(Es ist nicht auszuschließen, dass ich auch mal den einen oder anderen Gedanken "übernommen" habe, ohne dies in jedem Fall ausdrücklich zu benennen.)
konfirmandenvorstellung
6. Mai 2012
Bad Suderode
Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.
Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
nach zwei bzw. drei Jahren nähert sich der Konfirmandenkurs dem Ende – am Beginn habt ihr sicher gedacht, dass sei eine unendlich lange Zeit – heute denkt ihr vielleicht darüber nach, was die Zeit euch gebracht habt – was ihr gelernt habt – was euch gefreut hat und was Spaß machte und auch, was weniger schön oder langweilig oder schwer verständlich war.
Wir Verantwortlichen – die Mitarbeitenden und die Gemeinden - verbinden Hoffnungen und Wünsche mit diesem Tag.
Heute ist der Sonntag KANTATE – d. h. Singet – singet dem Herrn.
Nun gehören viele Jugendliche zu der Generation, die eher eine Musik – DVD einlegen oder einen anderen Player einschalten als selber zu singen – obwohl ich das sehr schade finde.
Wer singt, bekommt eine ganz andere Beziehung zur Musik, als wenn sie nur abgespielt und gehört wird -
und Lieder können im Leben eines Menschen eine große Bedeutung bekommen.
Manchmal geht uns eine Melodie lange nicht aus dem Ohr – verbindet mit Erinnerungen: An die erste Begegnung mit der Freundin oder dem Freund – an einen Abschied – an ein schönes Fest – oder auch an ein trauriges Ereignis.
Musik spricht eine Dimension in uns Menschen an, die über rein Gedankliches hinausreicht – sie erreicht unsere Gefühle.
Manchmal sehr laut – manchmal ganz leise – aber immer intensiv.
Lieder gibt es fast so lange wie es Menschen gibt. Musik und Lieder können ein Mittel sein gegen Ängste – Lieder können Mut machen.
Mut brauchen wir alle zum Leben – unabhängig davon, wie jung oder wie alt wir sind. Mut, wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt – Mut, wenn Verluste drohen – Mut, wenn wir nicht anerkannt werden – Mut, wenn etwas schief gelaufen ist oder sonst wie ängstigt.
Bei einer Konfi-Freizeit haben Jugendliche aufgeschrieben, was ihnen Angst macht:
- eine unheilbare Krankheit zu bekommen
- einen schmerzvollen Tod zu erleiden
- dass in unserem Land ein Krieg ausbricht
- dass das Ozonloch noch größer wird, als es jetzt bereits ist
- ob die Familie finanziell über die Runden kommt und alle Rechnungen bezahlen kann
- dass die Welt auseinanderbrechen könnte.
Ängste von Jugendlichen heute –
und deshalb der Wunsch und die Hoffnung, Gott möge behüten, bewahren, beschützen.
Diesen Wunsch haben wir Erwachsenen für euch Jugendliche, dass ihr das nicht vergesst im weiteren Leben
– dass ihr eure Ängste ernst nehmt und versucht so zu leben, dass die Welt nicht auseinander bricht – dass es Leben gibt für Mensch und Natur –
das erfordert euren ganzen Einsatz –
und dass ihr das Vertrauen lernt: Gott meint es gut mit uns und er wird uns weiter begleiten.
Unsere Kirchenlieder bringen das zum Ausdruck – Lieder, die Freude ebenso vermitteln wie Ängste – und Hoffnungen.
Wir wünschen euch, dass ihr singen lernt – Lieder der Hoffnung, Lieder des Vertrauens –
Töne, die euch erinnern:
Ich bin nicht allein auf der Welt – es gibt Menschen, die mich begleiten – und da ist Jesus, der keinen allein lässt – in schönen Stunden nicht und auch dann nicht, wenn es schwer wird.
Glaube lässt sich nicht lehren - er lässt sich nur erbitten.
Musik und Lieder sind eine Form, Glauben, Hoffnung und Vertrauen zum Ausdruck zu bringen. Martin Luther hat einmal gesagt: „Einmal gesungen ist wie zweimal gebetet.“
In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen gesegneten Sonntag Kantate – einen Tag voller erfreulicher und hilfreicher Töne.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
###
URLAUB vom 10. April bis zum 1. Mai 2012 !
Predigt Ostern
8. / 9. April 2012
Bad Suderode & Thale St. Andreas
Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.
Liebe Gemeinde,
der Evangelist Markus hat das kürzeste der vier Evangelien geschrieben und nach 16 Kapiteln endet es mit vier kleinen Worten: „Denn sie fürchteten sich.“
Die Verse danach von den Nach – Oster - Erscheinungen und dem Taufbefehl sind erst später dazugekommen – wahrscheinlich haben sich die Bearbeiter gedacht: Das kann doch nicht so enden nach allem was geschehen war – nicht mit Furcht und Zittern.
Aber eigentlich sind es diese vier Worte: „Denn sie fürchteten sich.“
Die Furcht der drei Frauen ist verständlich. Eben noch die Kreuze auf dem Hügel, eben noch der sterbende Jesus. Sie hatten ihn begleitet, sie gehörten zum engsten Kreis.
Der Weg zum Kreuz war unsagbar schwer für sie – bis zuletzt hatten sie gehofft, dass es anders kommen würde.
Wie werden sie die beiden letzten Nächte verbracht haben?
Sicher schlaflos, vielleicht nur ein paar Mal eingenickt, ansonsten allein mit dem Chaos der Gefühle – wie es eben so ist, wenn jemand verstorben ist.
Da waren die vielen Fragen: Wie soll es weitergehen ohne ihn?
Sie stehen erst am Anfang ihrer Trauerzeit.
Früher dauerte sie ein ganzes Jahr lang. Man ging nicht schnell einfach wieder zur Tagesordnung über. Die Menschen damals versuchten, erst einmal zu begreifen, was da geschehen war.
Den ersten mutigen Schritt haben sie schon hinter sich: Sie haben sich aufgerafft, sind wieder ans Licht gegangen, in die Sonne. Trotz des Kreuzes, trotz des Todes am Karfreitag. Ganz früh am Morgen gehen sie los – sie wollen unter sich sein, ohne Zeugen für ihren Schmerz.
Unterwegs erst haben sie überlegt: Wer wälzt uns den Stein weg vor dem Felsengrab? Der schwere Stein würde sie trennen von ihrem Ziel. Aber sie gehen weiter. Nach seinem entwürdigenden Sterben wollten sie wenigstens um ihn weinen dürfen, sich ihrem Schmerz hingeben, Erinnerungen austauschen und pflegen.
Und dann kommen sie an und der Stein ist weg. Und im Grab treffen sie nicht auf einen Toten, sondern auf einen Boten Gottes. Und der weiß, was sie suchen und kennt ihre Pläne und hat offenbar auf sie gewartet:
„Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier!“
Wenn keine Zukunft zu sehen ist, bleibt das Sich – Klammern an die Vergangenheit. Ein toter Jesus wäre ihnen in diesem Moment lieber gewesen als das so unerwartet leere Grab, in das sie wie gelähmt hinein starren. Da trifft sie die Frage: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“
Dann sehe ich die Jünger vor mir, wie sie hinter verriegelten Türen sitzen und Angst haben um ihre Zukunft, um ihr Leben. Dem sie gefolgt waren, der wurde ihnen genommen und sie waren feige weggelaufen. Weil sie befürchten, als Freunde eines Hingerichteten erkannt und eingesperrt zu werden, inszenieren sie das, was sie verhindern wollen: Sie schließen sich selbst hinter Mauern ein.
Bis Jesus mühelos zu ihnen kommt mit seinen versöhnenden Worten: „Friede sei mit euch.“
Ich denke an die kleinen, verunsicherten und verängstigten Gemeinden heute, überfordert von vielen Möglichkeiten und zu geringen Kräften. Da wird gelähmt in leere Gottesdiensträume und leere Kassen gestarrt; wehmütig der Zeiten gedacht, als es noch keine Stellenplandiskussionen gab. Damals – da schienen Glaubensinhalte und Wege klarer als jetzt.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn uns in der Kirche ein Bote empfinge und mitteilte: „Jesus ist nicht in diesen Mauern. Er ist nicht da, wo ihr ihn begraben habt. Ihr sucht ihn an der falschen Stelle!“
Das löst bei mir ein heilsames Erschrecken aus, denn im Grunde weiß ich ja: Jesus hat keine Kraft darauf verwandt, Gebäude für die Ewigkeit zu errichten – er hat keine Privilegien für sich beansprucht, er hat keine Schätze angesammelt.
Was machen wir eigentlich in unserer Kirche? Ist es noch die Seine? Muss sie vielleicht sterben wie das Weizenkorn, damit neues Leben daraus entstehen kann?
Ostern ist der Aufstand des Lebens über den Tod; der Freude über das Leid. Dennoch ist in der Bibel nachzulesen, dass es zunächst nur erschrockene und ängstliche Menschen gab, als sie das leere Grab entdeckten.
Aber dann wurde sichtbar: Die vordem schlicht feigen Anhänger von Jesus, die nach seinem entwürdigenden Tod am Kreuz geflohen waren, tauchten plötzlich verändert wieder auf: Mutig und fröhlich.
Die Verwandlung von ängstlichen Menschen in mutige Bekenner, das ist für mich das Sichtbare von Ostern und das wünsche ich mir auch für heute: Optimismus für das Leben, Zukunftsvisionen, Mut zum Widerstand, kein Festhalten an wehmütigen verklärenden Erinnerungen. Wo die Kraft des Auferstandenen erfahren wird, stehen Menschen auf aus Unsicherheit und Resignation und werden fähig, sich für andere einzusetzen, Unpopuläres zu sagen und zu tun.
Ostern, das ist ein Fest der Hoffnung und des Erwachens.
Ein Konfirmand erklärte einmal: „Zu Ostern ist Jesus aufgestanden.“
Aufstehen – das geschieht morgens, mal ungern und mal gern, je nachdem, was mich an dem Tag erwartet.
Oder ich erhebe mich, wenn ich etwas mitteilen will, um besser zu sehen und zu hören zu sein.
Oder ich stehe auf, wenn ich hingefallen bin. Und das passiert mir sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinn: Mich hat etwas umgeworfen – ich bin gestolpert über einen Bordstein – ein Mitmensch hat mein Vertrauen missbraucht – ein trauriges Ereignis hat mich erschüttert.
Aufstehen und auferstehen hat nicht nur sprachlich miteinander zu tun. Jesus ist auferstanden vom Tode, zurückgekehrt ins Leben. Ein mutiger Schritt, denn Leben ist gefährlich und gefährdet.
In den biblischen Ostergeschichten kommt übergangslos der zweite Osterabschnitt, der Auftrag: Geht, sagt der Engel, und erzählt das alles weiter.
Das Weitersagen gehört zum Osterfest dazu. Ostern will mitgeteilt werden und sich ausbreiten. Kein Ausruhen, kein Verschnaufen, keine Pause, keine Rückfragen – und doch dieser letzte Vers: „Denn sie fürchteten sich.“
Entsetzt laufen die Frauen erst rückwärts und dann ganz schnell weg. Sie können noch nichts weitererzählen, das würde ihnen ja doch keiner glauben.
Aber: Sie haben erlebt, dass die trüben Gedanken verschwunden sind. Sie haben erlebt, dass ihre Blicke nicht mehr zu Boden, sondern zum Himmel gerichtet waren. Und irgendwann konnten sie auch davon erzählen.
Wo stehen wir? Haben wir eigene, ganz persönliche Oster-Erlebnisse und Erfahrungen? Taten sich in unserem Leben Wege und Türen auf, wo es aussah, als sei alles zu Ende?
Ostern verändert – den Alltag – die ganze Existenz. Das zu erleben ist ein Geschenk.
Ostern ist der Aufstand des Lebens über den Tod; der Freude über das Leid.
Oft genug müssen wir Orte der Trauer und des Abschieds aufsuchen – und dürfen darauf hoffen, dass uns Boten Gottes begegnen, die einen unerwarteten Weg ins Leben zeigen –
die uns sagen: „Er ist auferstanden.“
Ostern wird es, wenn Menschen aufstehen, die gefallen sind – die umgeworfen wurden – vom Tod eines nahen Angehörigen – von Krankheit und Schmerz und anderem Leid getroffen und betroffen sind –
Ostern, das ist ein Fest der Hoffnung und des Erwachens.
Ostern, das ist, wenn Menschen getröstet werden in ihrem Leid. Wenn sie zum erstenmal wieder lächeln können. Wenn sie wieder Mut fassen und sagen: So schwer leben manchmal auch ist; es ist doch schön, dass ich leben darf. Dafür danke ich Gott.
Ostern, das ist, wenn Menschen fröhlich werden, über das, was Gott geschaffen hat. Wenn sie Gott in ihrem Leben am Werk sehen, wenn sie sagen können: Heute habe ich Gottes Spuren festgestellt.
In einer Ostermeditation heißt es über Jesus: „Er ist nicht in der Gräberwelt. Gegenwärtig ist er als Liebe zum Geringen, als Freude für die Traurigen, als Aussicht für die Hoffnungslosen, als Kraft für die Schwachen. Auferweckt ist er – nicht für sich selbst, sondern für alle, die am Unheil dieser Welt zu Grunde gehen.“
In unserer Zeit, in der wir alle viel Mut zum Leben, zum Aufrechtstehen, zum Auferstehen und zum Aufstand brauchen, wünsche ich uns allen ein fröhliches und mutmachendes Osterfest.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
##################################################################
Predigt Johannes 12; 12 – 19
1. April 2012 Alte Kirche Bad Suderode
Palmarum
Neue Möglichkeiten zu leben und Frieden kommen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, der für uns maßgeblich ist. Amen.
Liebe Gemeinde,
wenn ich von großen begeisterten Menschenmassen höre oder lese, bekomme ich ziemlich zwiespältige Gefühle.
Einerseits erinnere ich mich dabei an gute eigene Erfahrungen – zum Beispiel an Posaunenfeste wie das große Bläsertreffen vor vier Jahren in Leipzig, an Kirchentage oder an die unvergesslichen Demonstrationen im Herbst 1989 in Magdeburg , Quedlinburg und später in Thale - oder an das erfreuliche Gemeinschaftsgefühl bei großen Konzerten.
Bei manchen Massenveranstaltungen wird mir richtig warm ums Herz.
Andererseits können Ansammlungen begeisterter Fans mir auch Angst machen – zum Beispiel wenn ich nicht dazugehörte und die Schwärmerei weder verstehen noch teilen konnte – wie bei Fußballspielen oder wenn reichlich Alkohol im Spiel ist.
Außerdem weiß ich, wie schnell Begeisterung ins Gegenteil umschlagen kann - wer heute noch als Politiker oder Sportler oder Künstler hochgelobt wurde, kann schon morgen in ein tiefes Loch fallen -
Enthusiasmus hat ein kurzes Verfallsdatum – da fallen uns allen bestimmt viele Namen auch aus der jüngsten Vergangenheit ein ...
Davon berichtet auch die biblische Geschichte, die dem heutigen Sonntag Palmarum ihren Namen gegeben hat.
Jesus zieht in Jerusalem ein. Die Menschen dort empfangen ihn mit Glanz und Gloria. Sie ziehen ihm entgegen. Sie schmücken seinen Weg. Immer wieder ertönen Hochrufe: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren. Hosianna!
Es ist ein großer, begeisterter Empfang, der Jesus bereitet wird. Niemand hat diese Leute geschickt oder ihnen irgendetwas dafür versprochen. Ganz freiwillig stehen sie am Wegesrand. Es gab nur die Nachricht, dass Jesus kommt und dass er derjenige ist, der den Lazarus wieder zum Leben erweckt hat.
Damit ist Jesus für viele zu einem Hoffnungsträger geworden. Er gilt ihnen - zumindest in diesem Moment - als der Mann, der dem ganzen Volk wieder Kraft und Orientierung geben kann. Darum wird er wie ein König von den Menschen empfangen.
Jesus ist in diesem Augenblick einer, zu dem sich aufsehen lässt. Er hat das Besondere, das andere nicht haben. Glaubwürdigkeit und Führungskraft werden ihm zugetraut. Er soll an die Spitze des Volkes treten und das Land von der Fremdherrschaft befreien. Durch ihn soll das Volk zu neuer Größe und neuem Glanz geführt werden. Vor aller Welt soll deutlich werden, wie groß und mächtig dieses auserwählte Gottesvolk ist.
In aller Größe, die Jesus hier zugetraut wird, steckt zugleich eine tiefe Hilflosigkeit. Jesus soll denen, die ihm zujubeln, helfen – helfen, das Leben besser zu gestalten und zu meistern. Zu vieles geht schief, ist ungerecht und undurchschaubar. Das “Hosianna” der Menschen heißt im Klartext auch: Hilf uns doch!
Jesus benimmt sich - wie so oft - ungewöhnlich. Er findet unterwegs einen jungen Esel und reitet darauf. Er, der wie ein König empfangen wird und dem viel zugetraut wird, macht sich damit selbst zu einem Esel. Eine nahe liegende Reaktion darauf ist die der Jünger. Sie verstanden es einfach nicht. Sie verstanden es erst später, als sie nach Ostern alles noch einmal überdachten.
Wir wissen, der Weg, der mit dem glanzvollen Einzug in Jerusalem beginnt, endet wenig später an dem Kreuz von Golgatha. Aus dem Empfangsjubel wird schnell der vernichtende Ruf: Kreuzige ihn! So eng können Aufstieg und Fall beieinander liegen. Erst ist jemand begehrt und geschätzt - wenig später wird er fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Das alles kann von heute auf morgen passieren. Jesus ist nicht der einzige, der das erleben und erleiden muss.
Dabei war zuvor allerhand passiert - vor allem die spektakuläre Auferweckung des Lazarus von den Toten. Die hatte viel zu dem Jubel beigetragen. Was davon erzählt wurde, hat die Leute fasziniert. Wer so etwas kann, der kann auch noch mehr. So haben sie gedacht und gehofft. Dazu kamen gewiss auch Neugier und die Hoffnung auf ein weiteres Wunder.
Jesus entspricht diesen hochgeschraubten Erwartungen nicht. Und wenn die Leute damals nicht so an ihren eigenen Bildern und Erwartungen geklebt hätten, dann hätten sie es merken können und müssen.
Der Esel ist nun mal ein Lasttier und kein königliches Ross.
Die Pharisäer - die besonders Frommen - ärgern sich an Jesus. Alle Welt läuft ihm nach, sagen sie missgünstig. Und in ihrem Ärger schwingt bereits das Todesurteil für den Unbequemen mit.
Bald werden den Pharisäern auch diejenigen folgen, die Jesus gerade noch zujubeln und mit Palmen wedeln. Jesus ist eben doch nicht ihr König. Er verhält sich nicht so, wie sie es erwarten. Weder die Pharisäer noch das Volk begreifen, was da wirklich passiert.
Dabei hätte Jesus ihnen helfen können. Dazu ist er ja gekommen, dass er Menschen zum Leben hilft. Die Auferweckung des Lazarus hat es gezeigt: Wo Gott handelt, da tun sich neue und bisher ungeahnte Möglichkeiten auf.
Gott kann auch dort wirken und Veränderungen bewirken, wo Menschen keine Wege und Auswege und Möglichkeiten mehr sehen.
Selbst in den Lagen, die aussichtslos erscheinen, kann er neue Lebensperspektiven schaffen. Wo etwas zerbrochen und kaputtgegangen ist, kann es mit Gottes Hilfe wieder heil werden.
Das bedeutet Hoffnung für jedes Leben - Mut für den Alltag - Perspektiven für alles, was beginnt - Freude und Optimismus für jedes neue Leben. Trotz aller Sorgen über die Zukunft gibt es Hoffnung.
Problematisch ist für viele, dass Gottes Wege oft anders aussehen als menschliche Vorstellungen. Viele denken, es muss alles so gehen und kommen, wie sie es wollen und sich vorstellen - und dann kommen sie nur schwer damit zurecht, wenn es ganz anders kommt.
Jesus, den die Volksmenge in Jerusalem damals als den politischen Retter erwartete, kommt nicht so. Er widersteht allen verlockenden Angeboten und will stattdessen einer sein, der sich den Kleinen und Erniedrigten zuwendet. Er sieht seine Aufgabe darin, den einzelnen Menschen nachzugehen. Sie sind ihm wichtig. Für sie will er da sein. Für sie bringt er Zeit und Freundlichkeit mit.
Viele verstehen das nicht. Wie kann man nur so dumm sein und sich einer großen Karriere verweigern? Das verstößt gegen alle geltenden Überlebensprinzipien. Dieser andere Weg ist eine Provokation, die auf die Dauer nur schwer auszuhalten ist. Unverständnis schlägt schnell um in Ablehnung, Hass und Gewalt.
Bald ertönt der Ruf: Kreuzige ihn! Und dann wird am Kreuz derjenige getötet, der dem Lazarus das Leben zurückgegeben hat, der sich den Zöllnern und Sündern zuwandte und den Menschen in vergebender Liebe und Freundlichkeit begegnet ist.
Diejenigen, die seinen Tod beschließen und diejenigen, die ihn kreuzigen, haben geglaubt, dass sie Jesus damit besiegt und aus ihrem Leben erfolgreich verdrängt hätten. Doch am Ende ist wieder alles ganz anders.
Das Sterben Jesu und seine Auferstehung bekräftigen: Er bringt neue Hoffnung und neues Leben für alle, die sich danach sehnen.
Ein Kollege von mir hat über die Enttäuschung von Palmsonntag einen Text geschrieben, den ich Ihnen gerne weitergeben möchte:
„Enttäuschung
Es ist gleichermaßen schlecht: Das Richtige im falschen Moment zu tun und im richtigen Moment das Falsche zu tun. Jesus verpasste den richtigen Moment - um unseretwillen.
Menschlich gesprochen tat er im richtigen Moment das Falsche. Er nutzte die Gelegenheit nicht aus. Die Situation war günstig. Die Juden hatten die gleiche Sehnsucht wie wir:
Sehnsucht nach dem Superstar, nach dem Übermenschen, dem Erfüller unserer Wunschträume. Da hatten Leute erlebt, wie Jesus den toten Lazarus erweckt. Sie erkannten in ihm den Wunderdoktor. Endlich einer, der stärker ist als der Tod. Er wird es auch sein, der die politischen Verhältnisse ordnet, die Römer aus dem Land jagt und Israel wieder zu Ruhm und nationaler Größe bringen wird.
Schon jahrhundertelang hatten sie auf diesen Messias gewartet. Sie laufen Jesus entgegen und bereiten ihm einen großen Empfang. Das wäre jetzt die Chance für Jesus. In diese aufgebrachte Stimmung hinein eine zündende Ansprache, donnernde Worte über die Brutalität der römischen Soldaten, das Unrecht ihrer Steuern, ein paar abfällige Bemerkungen über die primitiven Heiden, ein wenig an die Zeit nationaler Größe erinnern, sich auf die Verheißung Gottes berufen. Wie gesagt: Jetzt eine zündende Rede, ein paar energische Handbewegungen, ein entschlossener Blick, und sie rufen nicht nur Hosianna, sondern werden ihn zum König ausrufen.
Aber Jesus enttäuscht. Er setzt sich auf einen Esel, reitet nach Jerusalem ein. Er geht in den Tempel und verscherzt sich alle Sympathien. Statt die Römer aus der Stadt zu jagen, jagt er die Tempelhändler fort. Statt Hassreden gegen die Römer zu halten, macht er sich unbeliebt bei den Pharisäern und Schriftgelehrten. Statt eine Kampftruppe zu organisieren, sitzt er mit ein paar Männern zusammen und hält Abendmahl. Statt sich zur Wehr zu setzen und seine Macht auszuspielen, lässt er sich gefangen nehmen. Die Enttäuschung ist perfekt. Die Täuschung ist zu Ende.
Statt Hosianna heißt es nun »Kreuzigt ihn!« Jesus war so frei, dass er sich die Wahrheit und Aufrichtigkeit leisten konnte. Er war so frei, dass er bereit war, Samenkorn zu werden: Den unteren Weg zu gehen, den Weg unter die Erde. Wer Samenkorn oder Lamm oder Knecht wird, imponiert nicht. Das Lamm wird geschlachtet, der Knecht, der anderen die Füße wäscht, disqualifiziert sich selbst als König.
Aber: Unsere Enttäuschung ist das Ergebnis einer Täuschung. Hätten wir nicht ein falsches Bild von dem Messias, brauchte es nicht zerschlagen zu werden. Jesus ist ein König ganz anderer Art. Sein Herrsein besteht im Opfer.“
(Heinz Gerlach)
So weit die Gedanken meines Kollegen.
Meine Überzeugung ist: Diejenigen, die die Liebe Gottes dringend brauchen, laufen voller Erwartung und voller Sehnsucht Jesus nach. Sie tun es bis heute - und sie tun es nicht vergeblich - bis heute!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, als alle Skepsis und Vorsicht, bewahre unsere Herzen und Gedanken, unseren Mut und unsere Phantasie in Jesus Christus, unserem Herrn.
Amen.
####################################################################################